in der bruchlosen Ferne, dans la crevasse du temps

für Ensemble (2001)

———-“La memoria non svolge che le immagini” (Die Erinnerung stellt sich nicht ohne Bilder ein) heißt es in einem Gedicht aus dem Buch “Il dolore” (Der Schmerz), das Giuseppe Ungaretti zum Tod seines Bruders geschrieben hat.

———-Bilder, denen in ihrer Eigenschaft als Zeichen die Fähigkeit eignet, das Ersehnte anzunähern, anzuziehen oder heranzubringen und zur gleichen Zeit unvermeidlich auf die unverkürzbare Distanz zum Verlorenen zu verweisen als eine stets offene Wunde der bilderlosen Leere.

———-Um diese Distanz geht es in diesem Werk.

———-Schon der Werktitel versucht eine Grenze oder eine Begrenzung zu überschreiten (und zwar nicht nur auf der semantischen Ebene), die verschiedene Sprachräume öffnet, verbindet und trennt. Von den zwei mir nicht muttersprachlich vertrauten Sprachen, die ich ausgewählt habe (schon hier eine Suche nach dem Fremden), entspricht die erste Hälfte Paul Celans deutscher Übersetzung eines französischen Verses von André du Bouchet; der zweite Teil beschreibt den umgekehrten Weg: es handelt sich um die französische Übersetzung, die du Bouchet von einem deutschen Vers Celans angefertigt hat. Dieser Übersetzungsprozess, dieses Überwinden der Distanz und das Vermitteln zwischen den beiden Sprachräumen, ist nicht möglich, ohne dass dieser Grenzpunkt, dieser Nicht-Ort, die Möglichkeit einer Übersetzung in Zweifel zieht, welche Anpassungen und Verluste nicht zulässt, wie sie bei diesem Übergang notwendigerweise und ungewollt entstehen.

———-Diese „Technik” der Übersetzung, diese Erfahrung, die den Bruch oder die Schnittstelle, welche die beiden Ufer trennt und verbindet, sichtbar macht, wird in diesem Werk in Form eines Kompositionsverfahrens angewendet, das im kanonischen Kontrapunkt wurzelt: Eine gleiche Struktur von verschiedenen Formen der Erscheinung und des Verschwindens, der An- und Abwesenheit des Materials, „durchquert” gleichzeitig oder sukzessive die verschiedenen instrumentalen Klangkörper und materialisiert sich gemäß derer spezifischen Körperlichkeit und Geschichte. Einerseits wird das Instrument als Klangkörper behandelt, als akustischer Raum mit latenten Bezügen; andererseits als Träger einer Geschichte, einer Interpretationstradition. Beide Aspekte werden wie unter einer Lupe betrachtet, um im Innern des Klanges – ohne dessen Wesen zu verändern – eine Vielzahl von graduellen Abstufungen zu erlangen, die es erlaubt, horchend dasjenige neu zu komponieren, das zugleich vereint und unterscheidet.

———-Bruchlose Ferne (lointain sans rupture), crevasse du temps (Zeitenschrunde).

———-Vielleicht lautet die letzte Frage: Welches Bild erzeugt die Erinnerung an den Verlust dessen, das man nie gekannt hat? Vielleicht entspricht dieses Bild dem von Rilke in einem seiner (der Distanz gewidmeten) Sonette an Orpheus evozierten und hinterfragten Ort: ein Ort, „wo man das, was der Fische Sprache wäre, ohne sie spricht“?

José Luis Torá (Übersetzung: René Karlen)

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